Öffentliche Widmung
"BrückenAltar Frieden für die Kyritz-Ruppiner Heide"
Die folgenden Worte richte ich an Dich, Großvater Stein.
Du bist ein Teil-Knochen unserer Mutter Erde, auf der wir geboren werden,
auf der wir leben und wandeln und in die unsere Körper wieder eingehen.
Ich bin Dir dankbar für Deine Existenz und Deine Festigkeit.
Du stammst aus der Zeit, da unsere Erde noch jung war und erhitzt.
Du bist Zeuge einer für uns kaum vorstellbaren Zeitspanne.
Unsere Existenz bemerktest Du wahrscheinlich erst vor etwa hundert Jahren,
als in der Eifel die Erde aufgerissen wurde, um dort unter großen Mühen
Steine zu brechen, für Bauwerke aller Art.
Damals bekamst Du von Menschen eine neue Bestimmung.
Das war die Generation meiner Urgroßeltern. Die Dampfmaschine war erfunden
und damit die Eisenbahn und mit ihr wurden überall im Land neue Verkehrswege
angelegt.
Noch nie zuvor wurden so viele und schwere Brücken gebaut, wie für das
"Eisenpferd".
Ich kann nicht sagen, ob Du mit Deinen Brüdern mittels der Kraft echter
Pferde nach Köln kamst oder auf dem Wasser, in einem Boot. Wahrscheinlich
wurde beides für Deinen Transport eingesetzt. Hier angekommen gaben Dir dann
Menschen aus der Zunft der Steinmetze in harter Handarbeit Deine jetzige
Form und Dein Gesicht.
Ja, und dann trugst Du, zusammengefügt mit Deinen Brüdern als
Brückenpfeiler, fast 100 Jahre die über tausend Tonnen der stählernen Brücke
für die Bahn.
Es sind keine Klagen über diesen Deinen Dienst laut geworden.
Die Brücke hat gehalten und hätte wohl, bei entsprechender Pflege, noch
einmal 100 Jahre überdauert.
Über Dich rollten bis vor ein paar Monaten noch die schwersten Güterzüge
Europas.
Die Menge an Gütern, Steinen, Erdöl, Autos, Stahl, Abfall, Panzern, Sand,
Kohle usw., die da in dieser Zeit, in fast hundert Jahren, über Dich
hinwegrollten, das kann, so glaube ich, auch keiner von uns ermessen.
Auch für diesen zuverlässigen, standhaften und tragenden Dienst spreche ich
Dir meinen Dank aus.
Nun bist Du unverhofft aus dem Brückendienst entlassen worden. Über diese
Entlassung kann und will ich als Zeuge auftreten und Dir folgende Geschichte
offenbaren+ nach meinem besten Wissen. Denn ich glaube nicht, dass einer der
Bauarbeiter oder Ingenieure die Zeit oder den Sinn dazu hatten, Dir diese
Geschichte zu erzählen und zu erklären.
Es ist eine Ironie in der Geschichte, dass Dein Abriss dem gleichen
Verkehrsstreben der Menschen zuzurechnen ist, der auch der Anlass war, Dich
damals der Erde zu entreißen.
Das Streben der Menschheit nach wachsendem und schnelleren Verkehr(t) hat
bis heute kein Ende gefunden.
Nun soll in dieser Stadt eine unterirdische Bahn vom Zentrum in den Süden
gebaut werden, genau unter der Strasse über die Deine Brücke führte. Für
dieses gigantische Bauwerk war die Spannweite der alten Brücke zu gering.
Die neue wurde geplant, irgendwo auf der Erde wurden die bestehenden Löcher
weiter vergrößert um Stahl, Kohle, Erdöl, Zement und Sand für das neue
Bauwerk zu gewinnen und möglicherweise ist so manches von diesem Material
vorher noch über Dich hinweg gerollt.
Als alle Vorbereitungen abgeschlossen waren, kamen Menschen mit schweren
Maschinen. Der Abriss begann im Herbst letzten Jahres.
Auf meinen Einkaufsgängen fielt ihr mir dann zum ersten Mal auf.
Ihr, die ich heute liebevoll "meine Brückensteine" nenne.
"Was für Steine...!" dacht ich.
Am zweiten Tag sah ich, dass ihr so achtlos vom Bagger hin- und hergeschubst
wurdet.
Da fragte ich den Baggerfahrer nach Euch und dieser sagte achselzuckend,
dass er Euch wohl zertrümmern soll, aber "Genaues weiß ich auch nicht!".
Und am dritten Tag ging ich zur Bauleitung, um mehr über Euer zukünftiges
Schicksal zu erfahren.
Dort verwies man mich an eine Entsorgungsfirma, die den Auftrag hatte, Euch
zu entsorgen. Du musst wissen, schon beim Wort "entsorgen" stellen sich mir
die Nackenhaare, aber das ist eine andere Geschichte.....
Na, und dann trennte uns nur noch ein Telefongespräch und ein 5-minütiges
Treffen mit dem Chef der Entsorgungsfirma. Ein Handschlag und die Zahlung
einer unglaublich geringen Summe machte mich zu Eurem Eigentümer.
Du und Deine Brüder, Ihr "gehört" nach dem Rechtsverständnis der Menschen
nun zu "mir".
Euer Schicksal liegt in meiner Verantwortung.
Meine Gedanken und meine Stimme entscheiden jetzt über Euer und so auch über
Dein weiteres Schicksal.
Ich darf und kann über Dich bestimmen.
Du gehörst mir.
Hast Du gehört?
Von nun an, so bestimme ich Dich, gehörst Du "MIR"!
"MIR", das bedeutet in der Sprache der Völker im Osten: Friede!
Also, bestimme ich Dich Kraft meiner Worte, mit wachem Geist und aus vollem
Herzen:
Der Friede sei mit Dir!
Und noch einmal:
Der Friede sei mit Dir und in MIR!
Friede auf Deinem weiteren Weg als
"Brückenstein zum Frieden unter den Menschen".
Und weiter bestimme ich Dich wie folgt:
"Du gehörst zu MIR, und zu mir, zu mir und zu mir...."
Also zu allen Menschen, die sich dem Frieden widmen.
Alle friedenswilligen Menschen sind eingeladen Mit-Eigentümer, Mit-Bestimmer
und Mit-WIRkende an MIR/Dir zu werden.
Du bist unsere gemeinsame Brücke, unser öffentlicher Tisch, unser
gemeinsames Gehör.
Ihr Steine seid die besten Lauscher der Erde.
Nun, da Du von mir zu "MIR" bestimmt worden bist, also von nun an das Thema
"Frieden" trägst, möchte ich Dir eine Geschichte nahe bringen, die mir zur
Zeit auf der Seele brennt und sehr am Herzen liegt.
In Deiner Zeit als Träger der Brücke im letzten Jahrhundert warst Du stummer
Zeuge von zwei Epochen, in denen über Jahre riesige Militärtransporte über
Dich hinweggingen. Zweimal wurde aus diesem Land heraus der Krieg in die
Welt exportiert.
Und nicht nur das, nach dem zweiten Weltkrieg, indem Du wahrscheinlich auch
beschädigt wurdest, wurde Deine Tragkraft auch dazu benutzt, Waffensysteme
für unzählige "kleinere" Kriege in aller Welt bereitzustellen.
Erst vor drei Monaten, Du warst schon nicht mehr im Dienst und durch
Hilfsstützen ersetzt, rollten hier große Panzerverbände Richtung Irak.
Gerade jetzt wird die Menschheit wieder Zeuge, was Krieg anrichtet. Das Land
ist zerstört, die Menschen sind verstört.
Es wird Generationen dauern, die Wunden zu heilen, wenn denn Heilen statt
Teilen endlich zur allgemeinen Kultur werden wird.
In diesem Land hier, liegt der letzte Krieg nun fast drei Generationen
zurück, der Heilungsprozess konnte voranschreiten, die materiellen Wunden
sind zum größten Teil geschlossen. Bald ist sogar die Frauenkirche
wiederaufgebaut.
Es herrscht eher Überfluss als Mangel an Waren, Arbeitskraft, Energie, Ideen
und kultureller Vielfalt. Hier in Deutschland leben inzwischen Menschen aus
allen Ländern der Erde in relativem Frieden. Der Austausch zwischen den
vielen alten Kulturen mit ihrem unschätzbaren Wissen und Weltanschauungen
und die Möglichkeiten durch die globale Vernetzung bilden zunehmend ein neue
ART globalen, universellen Bewusstseins heraus.
Und doch, der Schwur des Deutschen Volkes nach dem Zweiten Weltkrieg, "Nie
wieder Krieg" ist gebrochen. Auch hier gibt es schon lange wieder eine
riesige Rüstungsindustrie und die dazugehörige Armee. Seit kurzer Zeit
greift diese auch wieder zur "Friedenssicherung" international ein.
Dies wurde erst möglich, nachdem die härteste Strafe gegen Deutschland, die
Teilung, aufgehoben wurde.
Also: Deutschland aus der Teilung Richtung Heilung?
Leider nein! Jedenfalls nicht mit Entschiedenheit.
Denn, noch bevor "das wieder zusammenwächst, was zusammen gehört" zeigt
Deutschland seinen "Dank" darin, dass es im internationalen Geschäft der
Kriegsvorbereitung und Führung wieder aktiv mitmischt.
Wenn nun, wie ich erfahren habe, mitten in der Urlaubszeit das
Verteidigungsministerium, möglichst ohne großes Aufsehen, den größten
europäischen Bombenabwurfplatz im eigenen Land wieder zum Beschuss freigeben
will, dann droht dem "bisschen Frieden" hier und in der Welt eine große
Gefahr.
Der überwiegend gute Ruf, den sich Deutschland in den letzten Jahrzehnten in
der Welt erworben hat, könnte bald dahin sein, wenn die Aufmerksamkeit durch
neuerliche De-TON-Nationen abgelenkt wird vom friedlichen Mit- und
Nebeneinander und sich zunehmend wieder auf Rüstungsentwicklung fokussiert.
Die überall sichtbaren, doch noch jungen Pflänzchen einer globalen
Friedenskultur können leicht zum Opfer fallen.
Aus dieser Sorge heraus, mein lieber Stein, möchte ich mit Dir und MIR
möglichst bald eine Reise antreten. Heute ist der 1. September 2003, der
sogenannte Antikriegstag. Menschen in Mecklenburg-Vorpommern und Brandenburg
bitten um Hilfe, um im ganzen Land heute darauf aufmerksam zu machen, was in
der 160 qkm großen Kyritz-Ruppiner Heide, auch unter dem Namen "Bombodrom"
bekannt, vor sich geht.
Gegen alle Versprechungen von Politikern, gegen Rechtsvorschriften und gegen
den Willen des bei weitem größten Teils der dortigen Bevölkerung und
Kommunen soll das von den Russen 40 Jahre misshandelte Stück Natur in
Zukunft wieder als Testgelände der Luftwaffe missnutzt werden.
Gerade erst hat sich die Bevölkerung einigermaßen vom Trauma durch den
Dauerbeschuss erholt und bereitet sich mit der Hilfe aus
Strukturfördermaßnahmen der Europäischen Union auf eine neue Zukunft vor, in
der die wunderbare Natur wieder im Mittelpunkt stehen soll. Zur Freude und
Erholung.
Da soll dieser Traum schon wieder durch den Lärm tieffliegender Bomber
zunichte gemacht werden.
Nun mein lieber Stein, möchte ich mit Deiner Hilfe, Deiner Ge-Wichtigkeit,
und der Reise in den Osten zur Heide herausfinden, welcher Traum hier in
Deutschland denn nun WIRklich geträumt wird.
Dabei sollst du MIR und mir zunächst einmal behilflich sein, allen, aber
WIRklich allen, die hören, lesen und sehen können die Geschichte der Heide
zu erzählen und mit dieser Geschichte einzuladen, kreativ und gemeinsam über
die Zukunft der Heide öffentlich zu "träumen".
Nun, mein lieber Stein, ich sehe, meine Rede hat Dich nicht sichtbar
beeindruckt. Deine fast 2 Tonnen Gewicht ruhen unverändert am gleichen Ort.
Du machst keine Anstalten Richtung Osten aufzubrechen. Und meine physische
Kraft reicht nicht mal aus, dich zu erschüttern. Wir sind also auf Hilfe
angewiesen, und das ist gut so.
Nun habe ich also zu Dir gesprochen und Du hast mir zugehört, wie es besser
nicht möglich ist. So bin ich zufrieden und danke Dir abermals von ganzem
Herzen.
"Der Friede sei mit Dir und: MIR!"
Comos Mir Sada!
KeTaN, 1.9.2003, Köln/Eierplätzchen |