Konzept der Selbsthilfe gegen Wohnungsnot Porz e.V.

                   Keine Anpassung – und auch kein Ghetto       

Unsere Vorstellung für Selbsthilfe-Hausgemeinschaften gehen bewusst davon aus, dass besonders im Wohnbereich die Konsumgesellschaft äußere und innere Not im wachsenden Umfang verursachen. Wohnraum verteuert sich ständig, billiger Wohnraum ist äußerst knapp, die zwangsläufigen Folgen sind soziale Missstände und Gettoisierung, die dann letztlich mit staatlichem Maßnahmen und Zwang eingedämmt werden müssen.

            Es leiden also die sogenannten „unteren“ Gesellschaftsschichten in krasser Form unter den ständigen Sanierungen und Modernisierungen, die einen für Sie unerschwinglichen Standard erzeugen. Die Folge ist die Ausbildung sozialen Gettos mit den bekannten Problemen, wie Arbeitslosigkeit, erhöhte Kriminalität, usw.

            Es leiden aber auch Angehörige besser verdienender Schichten, wenn nämlich die Angst vor sozialem Abstieg immer breitere gesellschaftliche Bereiche ergreift. Hiergegen gibt es derzeit wenig aktiven Protest, sondern vielmehr eine Fixierung auf das individuelle Glück und den persönlichen Status, statt einer kritischen Auseinandersetzung mit der Gesellschaft.

            Das soziale Umfeld und der Wohnraum sind die zentralen Lebensbereiche. Rahmen- und Nutzungsbedingungen prägen entscheidend die Lebensbedingungen der Menschen.

            Unsere Selbsthilfeidee für den Wohnraum geht also davon aus, das ein sogenannter „hoher“ Lebensstandard, „Prestigewohnen“, „Konsumdomizil“ bewusst abgelehnt werden und das statt dessen ein größerer Freiraum in der Wohnungsnutzung erstrebt wird, der eine lebendige soziale und menschliche Gemeinschaft ermöglicht.

            Das Ziel des Selbsthilfe-Wohnprojektes beschränkt sich deshalb nicht nur auf eine gemeinsame Instandhaltung des Wohnraums, sondern umfasst auch die gegenseitige Hilfe in persönlichen Notlagen und die Herausbildung sozialer Verhaltensweisen bei den einzelnen Bewohner-innen. Daraus ergeben sich besondere Bedingungen für das Verhältnis zum Hauseigentümer, hier die Stadt Köln. 

1.

            Die Häuser können nur in einer gewissen Selbstverwaltung funktionieren! In anderen städtischen Häusern wird durch die Abhängigkeit der einzelnen Mieter-innen von den Ämterbürokraten-innen die Vereinzelung und Vereinsamung gefördert und die Bildung einer Hausgemeinschaft verhindert. Allein eine selbstverwaltete Hausgemeinschaft kann bestimmte soziale Haltungen verlangen, städtische Beamte nicht. Erst bei bestimmten Verfügungsrechten kann auch ein Verantwortungsgefühl für das Haus und die Bewohner-innen geweckt werden, durch behördliche Wohnungszuweisung entsteht das nicht. 

2.

            Die Belegungsweise durch Behörden erfolgt zwangsläufig nach sozialen Gruppen, für die ein selektives System eingerichtet ist. So massieren sich bestimmte Probleme ständig an einem Wohnumfeld und machen einen erheblichen Verwaltungs- und Betreuungsaufwand erforderlich. Die Folge ist Ab- und Aussonderung der verschiedenen sozialen Gruppen, der Generationen und Nationalitäten. Diese Auswahlprinzipien sind an der Entfremdung und den Problemen der bestehenden zwischenmenschlichen Beziehungen ausgerichtet und verschlimmern ständig die Missstände weiter. Die Auswahl der Mitbewohner-innen muss also durch die Hausgemeinschaft erfolgen, sie allein kann garantieren, dass weder ein „besseres“, noch „schlechteres“ Getto entsteht.

 

        

3.

            Wir streben eine soziale und sozialistische Haltung an, die nicht nach einer bestimmten Gruppenzugehörigkeit fragt. Die Gruppe bemüht sich um Offenheit gegenüber allen Menschen die kommen. Die entscheidenden Kriterien zur Aufnahme, sind nicht Aussehen, Nationalität, Alter und Beruf, sondern die Bereitschaft zum Engagement und zur Auseinandersetzung mit und in der Gruppe. Es geht darum offen und neugierig gegenüber Anderen und neuen Verhaltensweisen zu sein. Und es geht um die Bereitschaft sich verantwortlich einzubringen und lebenslang zu lernen- von- und miteinander.

 

 

4.

            Ein gemeinsam als positiv empfundener „einfacher“ Lebensstandard hilft mit, gesellschaftliche Zwänge und Vorurteile abzubauen und öffnet den Weg dazu, Befriedigung im Kontakt mit anderen Menschen zu finden. Vor allem am hohem Wohn- und Lebensstandard macht sich die zerstörerische zwischenmenschliche Konkurrenz fest: Ängste, Minderwertigkeitsgefühle, soziale Ausgrenzung usw. werden durch dieses Streben erzeugt und gefördert.

 

 

5.

            All dies wird dadurch gefestigt, gefördert und erlernt, dass Entscheidungen in Hausversammlungen getroffen werden. Weil die Hausversammlung verpflichtet ist, sich bei Entscheidungen über Aufnahmen oder Fehlverhalten Einzelner um die Ursachen des bzw. der Notlage zu kümmern, werden sie zu einem ständigen sozialen Lernprozess für alle Beteiligten.

            Die Hausbewohner-innen sind dadurch gehalten, sich immer wieder neu mit den allgemeinen gesellschaftlichen Verhältnissen zu befassen und werden so bewegt, sich um Missstände und Missverhältnisse außerhalb ihrer Hausgemeinschaft zu kümmern. Auf diese Weise kann und soll eine solche Selbsthilfegemeinschaft auch nach außen hin produktiv werden. 

Diese Konzeption spiegelt eine Utopie wieder, werden viele einwenden. Wir können stolz auf die Geschichte der PSH verweisen, die seit dem 21.03.1981 besteht und als Gruppe funktioniert. Auch können wir andere Hausgemeinschaften in Köln anführen, wie z.B. das Hausprojekt im Haus Salierring 41, das 1975 vor dem geplantem Abriss gerettet wurde. Dort leben Junge und alte, Menschen, Einzelpersonen mit Familien und Menschen aus verschiedenen Kulturkreisen zusammen. Es funktioniert, das die Alten Leute mit Kohlen versorgt werden, dass für sie eingekauft wird und das den Menschen mit Schwierigkeiten z.B. bei Ämtergängen geholfen wird.

            Die Mietkosten sind für alle gering, da viele Reparaturen in Eigenleistung durchgeführt werden. In den sogenannten Sitzungen, den Hausversammlungen werden organisatorische und soziale Themen die die Gruppe betreffen besprochen. Dazu zählt die Organisation des Zusammenlebens, sowie gemeinsamen darüber hinausgehenden Projekte.

            In Selbsthilfe-Wohnprojekten, genauso wie in allen anderen Mietshäusern, gibt es auch Streit, Auseinandersetzungen und Probleme. Nicht Harmonie steht im Vordergrund, wohl aber Freiheit, Selbstbestimmung und gesellschaftliches Verantwortungsgefühl. Der Fortschritt besteht nicht im Verschweigen von Problemen, sondern im Umgang mit ihnen. Die Bewohner-innen des Wohnprojektes stärken sich und übernehmen gegenseitig soziale Verantwortung und überwinden somit die Isolation des Einzelnen.

            Die Chance, die darin liegt, gilt nicht nur für den einzelnen Menschen, sondern auch für die Stadt und für staatliche Institutionen. Nicht nur, dass auf diese Weise Unterkunftskosten reduziert werden, Selbsthilfe-Wohnprojekten tragen dazu bei, Betreuungskosten in den sozialen Einrichtungen zu senken. Und nicht zuletzt helfen sie vielleicht ein neues soziales Bewusstsein an die Stelle der abgewirtschafteten Konsum-, Geld-, Isolierungs-, Verschwendungs- und Zerstörungsgesellschaft zu setzen.